Indien und Deutschland, das sind zwei verschiedene Welten. Eli Hamacher beschreibt in diesem Artikel ihre Erfahrungen und Erlebnisse während ihrer Reisen nach Indien.

Ganz gewissenhaft hatten wir bei der zwölfstündigen Zugfahrt nach Mumbai Verpackungen, Bananenschalen, alte Zeitungen und Limca-Flaschen in einer Plastiktüte gesammelt. Am nächsten Morgen schnappte sich ein Mann vom Personal die Tüte und schmiss sie kurzerhand aus dem Fenster. Der entsetzte Blick von drei jungen Deutschen irritierte ihn kein bisschen. Prompt kam mir einer der Lieblingssprüche meines Vaters in den Sinn: „When in Rome, do as the Romans do!“ Und so machte ich es fortan wie die Inder.

„India through German eyes“

„India through German eyes“, so überschrieb die Economic Times am 1. August 1987 einen Artikel auf ihrer Kommentarseite. Nach einjährigem Traineeship bei der Times of India hatte mich der Chefredakteur beauftragt, meine Erlebnisse und Eindrücke zu beschreiben. Das Stück endete mit dem Satz: I must come back! I did. Mehrere Male, zuletzt 2014 nach Bengaluru, um das indische Silicon Valley zu erkunden, und 2016 schließlich nach New Delhi. Von 800 Millionen auf unglaubliche gut 1,2 Milliarden Einwohner ist die Bevölkerung seit meinem ersten Besuch explodiert!

18. September 2016, kurz nach Mitternacht: Kaum hat die Maschine indischen Boden berührt, klingeln die ersten Handys, telefonieren die Inder lautstark mit family&friends. Willkommen in Indien, wo Regeln schon damals gern locker ausgelegt wurden. Ausgenommen selbstverständlich im Straßenverkehr, in dem schlicht Anarchie herrscht. Rote Ampeln, Zebrastreifen. Einbahnstraßen, Fahrbahnen, das empfindet man heute mehr denn je als Empfehlung. Kein Wunder: Vom Luxusgut, das vor 30 Jahre ausschließlich in den Varianten Ambassador und Maruti zu haben war, hat sich das Auto in der wachsenden Mittelschicht zum erschwinglichen Statussymbol entwickelt, made in India, Japan, Korea, France oder auch Germany. Was mich am meisten verblüfft: Ich habe nicht einen Unfall gesehen. Offenbar stimmen in der Stadt die drei Faktoren, die mir ein Taxifahrer nannte: „In India you need good brakes, good horn and good luck!“

Eine veränderte Wirtschaft

In der Wirtschaft könnten die Unterschiede zwischen damals und heute kaum größer sein. Das 1986 unter Premier Rajiv Gandhi gegenüber internationalen Investoren weitgehend abgeschottete Land, hat sich geöffnet: Gut sichtbar am Connaught Place, CP, meinem Lieblingsplatz in New Delhi, wo das Who is Who der Markenindustrie von Adidas bis Zara viele indische Händler verdrängt hat. Und doch ist der indische Liquor Store immer noch derjenige mit den meisten Besuchern!

Die Digitalisierung hat wie rund um den Globus auch in Indien aus jungen unbekannten Gründern in kürzester Zeit Shooting Stars gemacht, sei es bei OYO Rooms, dem AirBnB, oder Makemytrip, dem booking.com Indiens. Ich habe einen indischen Unternehmer getroffen, der jüngst zeitgleich in Köln, wo er seit 20 Jahren lebt, und in Gurugram ein Software-Start-up gegründet hat, um vom Besten aus beiden Welten zu profitieren: dem Qualitätsbewusstsein der Deutschen sowie der Cleverness indischer Softwareingenieure und den niedrigen Lohnkosten.

Trotz aller Widrigkeiten rund um Korruption, überbordender Bürokratie und mangelhafter Infrastruktur sind viele deutsche Mittelständler optimistisch gestimmt. Sie investieren in neue Fabriken, Qualitätssicherung und vor allem die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Und natürlich hoffen sie auf die Goods and Services Tax, die Abläufe vereinfachen und die Steuerlast drücken soll. Das wäre definitiv Modis Meisterstück. Denn noch hat unternehmerischer Erfolg nicht allzu viel mit den Taten der neuen Regierung zu tun.

Alles besser Dank Modi?

Mit seinen werbewirksamen Kampagnen „Clean India, Skill India, Make in India, adressiert der exzellente Verkäufer Modi seit seinem erdrutschartigen Sieg in 2014 zwar einige der drängendsten Probleme: Umweltverschmutzung, Qualifikationsgefälle, schwache Industrialisierung. Doch fragt man heute, gut zwei Jahre später, indische oder auch deutsche Unternehmer: „Was hat sich konkret geändert?“, fällt die Reaktion nicht eben euphorisch aus. Noch sind es nur viele kleine Änderungen, sei es, dass Behörden Genehmigungen schneller erteilen oder bürokratische Abläufe zumindest etwas vereinfacht haben. Dank ihrer Schwarzgeldinitiative hat die Regierung immerhin viele Schlupflöcher geschlossen. Der große Wurf, sei es beim Steuersystem, beim Landerwerb oder bei der Ausbildung, ist aber noch nicht gelungen.

„Red carpet instead of red tape“

„Red carpet instead of red tape“ lautete einer der Top-Slogans der neuen Regierung, um ausländische Investoren zu locken. Ein Mittelständler spricht sicher für viele Unternehmer, wenn er sagt: „Modi beginnt mit seinen Reformen ganz oben. Unsere Anträge müssen wir aber unten einreichen. Da hat sich noch nicht sehr viel verändert.“ Und doch will man die Chance nicht verpassen, in einem der potenziell größten Wachstumsmärkte einen Fuß in der Tür zu haben. Das gilt selbst für sehr kleine deutsche Mittelständler, die Indien auch wegen der geringen Sprachbarrieren den BRIC-Staaten Brasilien, Russland und China vorziehen.

Im tiefsten Inneren scheinen viele Unternehmer auf einen Big Bang zu hoffen, auf den Tag, an dem der unterschätzte Riese wie Phönix aus der Asche steigt. Geschehen wird das nicht. Dafür ist das Land zu groß, zu schwerfällig, zu sehr in einem System verhaftet, in dem Bürokratie und Korruption nicht so schnell weichen werden. Aber wenn Modi bei allen Reformen so viel Dampf machen könnte wie bei der Goods and Services Tax (GST), hätte Indien die Chance ein wesentlich attraktiverer Investitionsstandort zu werden, nicht nur für Konzerne, auch für deutsche Mittelständler.

Wäre die Bahnfahrt nach Agra ein Omen, steht es nicht schlecht. Pünktlich auf die Minute rollt der Zug an meinem vorletzten Reisetag gen Uttar Pradesh. Schneller als in jedem deutschen Flieger serviert das Personal Wasser, Zeitungen und Frühstück, alles im Ticketpreis inbegriffen, sammelt im Anschluss den Müll ein – und wirft ihn nicht aus dem Fenster. Ein Mitarbeiter verteilt gar Fragebögen zur Kundenzufriedenheit. Bei Indian Railways könnte sich Bahnchef Grube einiges abschauen.

Autor: Eli Hamacher | Freie Wirtschaftsjournalistin

Eli Hamacher ist freie Wirtschaftsjournalistin und lebt in Berlin. Von 1986 bis 1987 arbeitete die Diplom-Volkswirtin bei Times of India in New Delhi. Danach kehrte sie mehrmals nach Indien zurück, zuletzt 2014 nach Bengaluru und 2016 nach New Delhi, um für ihre Kunden über deutsche Mittelständler in Indien zu berichten.