India Day 2018: Was Narendra Modis Reformeifer gebracht hat

Autor: Eli Hamacher

Erstmals veröffentlicht im Juni 2018

Mit einem nie da gewesenen Reformeifer versucht Indiens Premier Narendra Modi die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens voranzubringen: Er digitalisiert, modernisiert, industrialisiert. Was hat er seit seiner Amtsübernahme bewirkt, was nicht? Was hat sich bei Wirtschaftswachstum, Kampf gegen Korruption, Ausbau der Infrastruktur und Schaffung von neuen Arbeitsplätzen getan? Antworten gab der 9. India Day am 6. Juni 2018 in Köln.

Gekonnt und locker spielen sich die beiden Manager die Bälle zu. Der eine: Jörn Schmersahl, CEO Air & Ocean Europe bei Rhenus Logistics. Der andere: Vivek Arya, Managing Director bei Rhenus Logistics India. Schnell wird klar: Der Deutsche und der Inder sind ein gutes Team. Zwei Menschen, die sich verstehen und respektieren. Bei denen die Chemie stimmt. Gemeinsam sind ihre Firmen, die von der Rethmann-Gruppe geführte Rhenus Logistics, und die Western Arya Group, beides Familienunternehmen in dritter Generation, im August 2010 ein Joint Venture eingegangen. Und beweisen seitdem: Es geht doch.

Haben in der Vergangenheit deutsch-indische Gemeinschaftsunternehmen vielen Firmenchefs hierzulande schlaflose Nächte bereitet, einigen sogar die Lust auf ein Engagement in der aktuell siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt gründlich verdorben, scheint bei Rhenus und Arya alles zu stimmen: die Ökonomie und die Empathie. Überhaupt ist an diesem heißen Junitag viel von Emotionen die Rede.

Rund 150 Gäste aus Wirtschaft und Wissenschaft sind ins Kölner RheinEnergiergieSTADION zum 9. India Day gekommen, um über die Zukunft der bald bevölkerungsreichsten Volkswirtschaft der Welt zu diskutieren: Was hat der Reformeifer des wirtschaftsfreundlichen indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi tatsächlich vier Jahre nach dessen Amtsübernahme gebracht? Was erwartet Newcomer auf dem Subkontinent? Womit haben Platzhirsche zu kämpfen?

Eingeladen haben die Veranstalter – der Indien-Dienstleister Maier + Vidorno, die Wirtschaftskanzlei Luther Rechtsanwaltsgesellschaft sowie die Sparkassen-Finanzgruppe –  eine gelungene Mischung aus Vertretern von Industrie, Handel, Banken und namhaften Institutionen wie Germany Trade and Invest (gtai) sowie Bertelsmann-Stiftung. Zusammen entwerfen sie an diesem Tag ein vielschichtiges Indien-Bild. Fundierte Vorträge über Sourcing, Vertrieb, Markteintritt mit oder ohne Partner, Kastenwesen, Jugaad ebenso wie Bankenkrise gewähren den Mittelständlern einen tiefen Einblick in ein Land, von dem Kenner sagen: Man liebt es oder man hasst es.

Schmersahl und sein indischer Kollege Arya, die mit dem indischen Joint Venture Kunden aller Branchen Logistikdienstleistungen für Transporte via Straße, Schiene, Schiff und Flugzeug ebenso wie Zollabfertigung oder auch Lagerhaltung anbieten, ziehen acht Jahre nach der Gründung eine positive Bilanz. Die Zahl der Mitarbeiter habe sich auf mittlerweile 1300 verdreifacht, der Umsatz verachtfacht und die Lagerkapazitäten seien um das Dreifache gestiegen. Als wichtigste Erfolgsgründe nennen die beiden Manager den strategischen Fit der Familien Rethmann und Arya, die langfristige Ausrichtung der Partnerschaft, Vertrauen sowie das Einbringen der jeweiligen Stärken: Die Aryas haben ihre lokale Marktexpertise, die Rethmanns ihr internationales Netzwerk beigesteuert. Viel Wert legen beide Seiten zudem auf den Aufbau persönlicher Beziehungen. Regelmäßig entsendet Rethmann Expats nach Indien, gleichzeitig besuchen Inder die deutschen Standorte. Die „Botschafter“, wie Schmersahl sie nennt, sollen das interkulturelle Verständnis fördern. Denn ohne diese Einsichten wäre eine erfolgreiche Zusammenarbeit gar nicht möglich.

Wie viele Unternehmer sind die Rhenus-Manager vom großen Wachstumspotenzial Indiens überzeugt. Aktuelle Fakten und Zahlen lieferte Dr. Stefan Mitropoulos. „Wenige Länder weltweit erreichen dauerhaft ein so hohes Wirtschaftswachstum wie Indien. Nach einer kleinen Delle im Vorjahr sollte das Bruttoinlandsprodukt 2018 um mehr als sieben Prozent expandieren“, sagte der Leiter Konjunktur- und Immobilienanalyse bei der Landesbank Hessen-Thüringen. Trotz des großen Potenzials sei der Außenhandel mit Deutschland aber noch überschaubar. So seien 2017 Waren im Wert von 10,7 Milliarden Euro (plus neun Prozent) nach Indien ausgeführt worden, allen voran Maschinen, chemische Erzeugnisse sowie Datenverarbeitungsgeräte, elektrische und optische Produkte. Bei den Importen (vor allem Textilien, chemische Erzeugnisse, Maschinen, landwirtschaftliche Güter) stieg das Volumen um 10,7 Prozent auf 8,5 Milliarden Euro. Bei den wichtigsten Exportnationen rangiert Indien für Deutschland auf Rang 25, bei den Importen auf Platz 27. Impulse, da waren sich viele Teilnehmer des India Day einig, könnten vor allem von einem Freihandelsabkommen mit der EU ausgehen. Die Verhandlungen laufen bereits seit 2007, ein Abschluss ist jedoch nicht in Sicht.

Unterdessen wird Indien auch als reiner Beschaffungsmarkt immer attraktiver. So hat das größte Schweizer Handelsunternehmen Migros 2012 in Gurgaon (Großraum Neu-Delhi) ein erstes Einkaufsbüro eröffnet. Heute kümmern sich 30 Mitarbeiter um die Beschaffung.

Noch seien Textilien der größte Bereich, sagt Sascha Ergezinger, Managing Director der Migros India Private Ltd. Aber der Bereich Food hole stark auf. Als dicken Pluspunkt am indischen Markt hebt der Migros-Manager hervor, dass Indien anders als etwa China auch kleine Mengen liefern würde. Alle Produkte würden verkaufsfertig vor Ort verpackt und dann nach Europa transportiert. Um an dem riesigen, extrem unübersichtlichen Markt die richtigen Partner zu finden, sei Networking das A und O, unterstreicht Ergezinger. „Vom Start einer Lieferantensuche bis zur Vertragsunterzeichnung vergeht in der Regel ein halbes Jahr.“

Eine immer wichtigere Rolle beim Einkauf spielt auch in Indien das Thema Qualitätssicherung. Hier arbeitet Migros unter anderem mit dem weltweit viertgrößten Inspektions-, Prüfungs- und Zertifizierungsunternehmen Intertek zusammen. Rund 2000 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern bereits auf dem Subkontinent und ist mit seinen Prüflaboren in allen wichtigen Wirtschaftszentren vertreten. Für Martin Mündler, Director Global Project & Service Management bei der Intertek Holding Deutschland GmbH, ist es unerlässlich, dass sich deutsche Einkäufer sehr genau die gesamte Lieferkette anschauen und die eingekauften Waren vor dem Transport auf Unversehrtheit – auch auf Schadstoffe – kontrollieren würden. „Der Transport über die indischen Straßen mit ihren oftmals vielen Schlaglöchern oder der Monsun mit der hohen Luftfeuchtigkeit können schnell dazu führen, dass Waren kaputtgehen oder verderben.“

Dass auch beim Einkauf Emotionen eine große Rolle spielen, berichtete Dr. Henri-Jacques Topf, Chairman der Schneider International Holding GmbH, die seit 2012 in Pondicherry, im Südosten des Landes, unter anderem Metallguss- und Kunststoffteile produziert und heute 250 Mitarbeiter in Indien beschäftigt. „Ich habe auch schon mit einem Lieferanten vier Stunden in einem indischen Tempel zugebracht. Darauf muss man sich einlassen können.“

Nicht nur Einfühlungsvermögen, auch gute Nerven sind allemal erforderlich, wenn man in Indien erfolgreich Geschäfte machen will. Denn seit seinem Amtsantritt in 2014 hält der heute 67-jährige Premierminister Modi Indien mit einem nie dagewesenen Reformeifer in Atem. 87 Reformen seien es bereits, verkündete der hindunationalistische Politiker jüngst, darunter Make in India, sein Ableger Make in India Mittelstand, Skill India, Clean India. Vor allem die Bargeldreform von Ende 2016, bei der über Nacht fast alle Geldscheine ungültig wurden, und die Einführung der neuen einheitlichen Verbrauchssteuer (GST) haben aber vorübergehend ordentlich Sand ins Getriebe der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens gestreut, sodass die Wachstumsrate 2017 unter die Sieben-Prozent-Marke rutschte.

Doch schon Anfang November 2017 hatte die Regierung wieder Oberwasser. Im Ease of Doing Business-Index, mit dem die Weltbank misst, wie einfach es ist, Geschäfte zu machen, verbesserte sich das demokratisch regierte Indien binnen eines Jahres um satte 30 Plätze und landete auf Rang 100 unter 189 Ländern, wobei die neue Steuer GST in die Bewertung noch nicht einging. Mit der größten Steuerreform seit der Unabhängigkeit 1947 führt Indien seit Juli 2017 ein einheitliches System der indirekten Besteuerung und damit einen gemeinsamen Markt mit freiem Waren- und Dienstleistungsverkehr ein. Die GST ersetzt eine Vielzahl verschiedener und teils kumulativ anfallender Steuern. Positiv finden das viele, doch die Umsetzung ist kompliziert. Gleichzeitig treibt die Regierung die Digitalisierung voran, um Geldströme transparent zu machen, dadurch die Steuerbasis zu erhöhen und die Korruption zu senken.

Auch beim Global Competitive Index des World Economic Forum verbesserte sich Indien deutlich und landete zuletzt auf Rang 40 (von 137 Staaten), drei Jahre zuvor lag das Land noch auf Platz 71. Als kritische Faktoren wurden jedoch nach wie vor die indischen Dauerbrenner hervorgehoben: Korruption, hohe steuerliche Belastung, unzureichende Infrastruktur und Bürokratie. Steigende Importzölle sind laut der jüngsten Umfrage der Indo German Chamber of Commerce (IGCC) zudem eine neue Gefahr für den indisch-deutschen Handel. Immerhin würden aber 77 Prozent der deutschen Mitglieder der Kammer ihr indisches Business für die nächsten fünf Jahre positiv beurteilen.

„Indien funktioniert emotional“, ist Christine Rudolph überzeugt. Für Audi entwickelt die Managerin das Geschäft in Indien, Südostasien sowie im pazifischen Raum. Die täglichen Unwägbarkeiten stellen die Deutschen nicht selten auf eine harte Probe. So verweist Rudolph darauf, dass trotz aller Fortschritte beim Ease of Doing Business Index Indien etwa bei den Baugenehmigungen auf dem 181. von 190 Plätzen landet und beim Durchsetzen von Verträgen auf einem schlechten 164. Rang. Ohne Jugaad, die intrinsische Innovationskultur, hätte manches Projekt gar nicht umgesetzt werden können. „Nutze die Chancen in widrigen Umständen, finde effiziente und sinnvolle Lösungen, Improvisation statt Perfektion, das sind wichtige Jugaad-Prinzipen“, sagt Rudolph und erklärt, wie Audi Jugaad umsetzt. Mit 40 Showrooms ist der Autobauer heute landesweit in Tier-1- und Tier-2-Städten vertreten. Für weitere Tier-2 und auch Tier-3-Städte gehen die Ingolstädter einen anderen Weg. Wenn der Kunde nicht in einen Showroom kommen kann, dann kommt der Showroom eben zum Kunden. Ein zum mobilen Showroom umgebauter Truck fährt die Städte ab und präsentiert die Modelle der Ingolstädter.

Etwas skeptischer als mancher Unternehmenschef bewertet Murali Nair die nähere Zukunft in seinem Heimatland. Zweimal jährlich werde die Stimmung der Nation untersucht. Hätten im Jahr 2017 noch 44 Prozent der Befragten gefunden, dass Modi einen guten Job mache, seien es 2018 nur noch 34 Prozent gewesen, berichtet der Senior Project Manager der Bertelsmann Stiftung. Vor allem Bauern sowie die ärmere und ältere Bevölkerung äußerten sich skeptisch. Bis zu den nächsten Parlamentswahlen Mitte 2019 stehen noch drei wichtige Regionalwahlen an. „Wenn Modi dort verliert, könnte es durchaus sein, dass er mit überraschenden Reformen kommt, um bestimmte Wählerschichten für sich zu gewinnen.“ Auch deutsche Unternehmer brauchen dann gegebenenfalls einmal mehr gute Nerven in Indien.

Eli Hamacher arbeitet als freiberufliche Wirtschaftsjournalistin. Einer ihrer Themenschwerpunkte ist Indien.