Interview mit Martin und William Pallante | 20/20 Management Consulting LLC

Erstmals veröffentlicht in M+V`s India Insight im Juli 2016

Amerikanische Firmen zu überzeugen nach Indien zu investieren, steht an oberster Stelle für Indiens Premierminister Narendra Modi; und neueste Schätzungen vom USIBC sagen voraus, dass amerikanische Unternehmen in den nächsten 2-3 Jahren $45 Milliarden investieren werden. Maier+Vidorno ist sehr erfreut darüber, Ihnen die Partnerschaft mit 20/20 Management Consulting LLC ankündigen zu dürfen, einer angesehenen Unternehmensberatung mit umfassender internationaler Erfahrung, die nordamerikanische Unternehmen unterstützt. Wir haben mit William und Martin Pallante von 20/20 Management Consulting über die Unterschiede zwischen Indien und den USA gesprochen.

Welche sind die größten kulturellen Unterschiede, wie in den USA und in Indien Geschäfte durchgefüht werden?

Wie Indien haben auch die USA die Unabhängigkeit von Großbritannien erreicht. Dennoch haben sich die USA in Richtung einer individualistischen Gesellschaft, mit persönlicher Anerkennung und finanziellem Erfolg als starke Motivationsfaktoren, entwickelt, während Indien eine kollektivistische und familienorientierte Kultur angenommen hat. In den Staaten werden Mitarbeiter durch eine steigende Mobilität und individuellen Erfolg motiviert, mit geringer langfristiger Arbeitgeberloyaliät. Ihre Loyalität gehört eher ihrem Beruf und ihrem individuellen Erfolg, welcher oft an der Position in der Unternehmenshierarchie gemessen wird. Deshalb sind Amerikaner eher dazu bestrebt, Dinge zu erledigen, Anerkennung zu erhalten, und dann die nächste Herausforderung anzunehmen. Im Gegensatz dazu gilt die Loyalität eines Arbeitnehmers in Indien der Familie und nicht dem Arbeitgeber.

Ein weiterer Unterschied zwischen Indien und den USA ist die Hierarchiementalität, die in Indien existiert, in der die Macht beim Chef liegt und Angestellte normalerweise nicht zu Entscheidungen ermächtigt werden. Aus einer westlichen Perspektive scheint die indische Hierarchie so dominant zu sein, dass Arbeitnehmer Befehlen folgen, obwohl sie anderer Meinung sind, und es scheint, dass Inder in Problemdiskussionen nur sehr zögerlich ‚Nein‘ sagen. Das Gegenteil ist in den USA zu sehen, wo die Macht vom Vorstands- bis zum Verkaufslevel geteilt wird.

Zuletzt scheinen Inder höflicher zu sein als Amerikaner. Dies kann sowohl gut als auch schlecht sein: gut in dem Sinne, dass jeder Höflichkeit schätzt, aber schlecht, weil einige Inder dazu tendieren, über-höflich zu sein, sogar bis zu dem Punkt, dass Zuvorkommenheit und wiederholtes Danken irritierend wirken und als unproduktiv gelten kann.

Wie sehen amerikanische Unternehmen Indien?

Ein amerikanisches Vorurteil von Indien ist, dass es reich an Bürokratie und ineffizienten Geschäftssystemen ist, und dass Entscheidungsfindungen sehr mühsam sind. Falls ein amerikanisches Unternehmen mehr Erfahrungen hat mit  indischen Geschäftsleuten,  ist die Meinung meist gut. Falls ihre Erfahrung auf weniger anspruchsvollen indischen Unternehmen beruht, oder der Kontakt nur in begrenzten Telefongesprächen bestand, kann ihre Meinung von Indern schlechter sein, und ist in der Tat oft negativ. Ebenso schätzen viele amerikanische Unternehmen das wirtschaftliche Potenzial des indischen Marktes nicht voll und ganz. Während alles, was sie wissen, die schiere Größe der indischen Bevölkerung ist, verstehen viele nicht, dass Indiens Mittelklasse und die daraus resultierende Konsumentenbasis relativ schnell wächst. Außerdem ist vielen nicht offensichtlich, dass Indien China als schnellstwachsendes Schwellenland abgelöst hat. Während den meisten Amerikanern einigermaßen bewusst ist, dass Inder gut ausgebildete, intelligente und fähige Menschen sind, leiden wir oft unter Missverständnissen, die durch die US-Medien bezüglich des Kastensystems aufrechterhalten werden. Dies betreffend sind die Amerikaner jedoch oft flexibler als Japaner und Chinesen, was in vieler Hinsicht positiv ist. Amerikanische Unternehmen müssen verstehen, dass bestimmte Unterschiede, was das Geschäfte tätigen angeht, bestehen, und sich dementsprechend vorbereiten müssen, um in Indien erfolgreich zu werden.

Welche Segmente haben das beste Potenzial?

Die Medizinbranche ist immer im positiven Bereich. Das Gleiche kann über die Elektroindustrie gesagt werden, bei der die Produktveralterung 6 Monate nach Markteinführung eintritt. Die Automobilindustrie ist sehr engagiert und versucht stetig, ihren Markt zu expandieren, da der amerikanische Markt seine Kapazitätsgrenze aufgrund von sinkenden Geburtenraten und längeren Produktlebenszeiten bald erreichen wird. Durch den Stau auf Indiens Straßen und die Einführung von neuen Emissionsstandards, sind viele Produzenten  von Zwei- und Dreirädern, sowie von Benzineinspritzsystemen für kleinere Motoren an Indien als einem Hauptmarkt interessiert.

Die Bau- und Infrastruktur zugehörigen Industrien waren und sind sehr am indischen Markt interessiert. Und, basierend auf geopolitischen und regionalen Anforderungen, sind die Luftfahrt- und Verteidigungsindustrien von hohem Interesse, was oft von hohen ausländischen Nachfragen herrührt.

Welchen Herausforderungen müssen sich amerikanische Unternehmen in Indien stellen?

Fast alles daran, Geschäfte in Indien zu tätigen, kann eine Herausforderung für amerikanische Unternehmen sein. Die meisten Unternehmen in den USA, die abwägen, in Indien tätig zu werden, haben bereits in fortschrittliche wirtschaftliche Regionen expandiert und ebenso wahrscheinlich auch andere wachsende Geschäftszentren im Auge. Deshalb verstehen diese Firmen, dass sie geozentrisch denken und  arbeiten, und gleichzeitig lokal handeln müssen, um wirklich global zu agieren.

Somit sind sie darauf eingestellt, mit kulturellen Unterschieden klar zu kommen, werden aber ernsthaft durch interventionistische Regierungsregelungen und Verordnungen, die im Zusammenhang mit Genehmigungen, Arbeitspraktiken und Besteuerung stehen, herausgefordert. Praktisch gesagt sollten deshalb alle amerikanischen Unternehmen verstehen, dass es wichtig ist, eine Führung durch lokale Spezialisten in allen Unternehmensbereichen zu haben, um in Indien erfolgreich zu sein.